15.01.2009

__________ Monitor 2009 Heft 1


Leser!

Vorweg gleich noch ein Wort zu meiner Hoffenheim-Vita in der letzten Ausgabe (okay, mehrere Worte): Inzwischen habe ich auch etwas herausgefunden über die noch weiter zurückliegende Vergangenheit des Vereins. Als Nachtrag kann ich also noch hinzufügen, dass Hoffenheim vor 1989 hauptsächlich in der Kreisliga A Sinsheim spielte mit gelegentlichen "Gastspielen" in der darüber liegenden Bezirksliga. Und genau in jenem Jahr (1989) begann dann das Engagement von Dietmar Hopp bei der TSG und damit deren neue Zeitrechnung. Zwei Jahre darauf, 1991 also, gelang der (Wieder-)Aufstieg in die Bezirksliga, und bereits in der Folgesaison 1992 der Durchmarsch in die Landesliga NordBaden, Staffel 2. Den Rest hatte ich ja schon geschildert, so dass mithin 7 Aufstiege (in Worten: sieben!) zu Buche stehen in den letzten 18 Jahren, darunter sogar drei "Durchmärsche" (Doppel-Aufstiege in zwei aufeinander folgenden Jahren), nämlich 1991+92, 2001+02 sowie 2007+08 - und sollten sie in dieser Saison am Ende tatsächlich Platz 1 oder 2 belegen und damit in die ChampionsLeague "aufsteigen", dann entspräche dies wohl sogar einer Art "Doppel-Durchmarsch"! Was aber bei dieser ganzen Betrachtung beinahe noch unglaublicher anmutet ist der Umstand, dass Hoffenheim in dieser ganzen "Ära Hopp" (also seit 1989 wie gesagt) bislang nur in einer einzigen Saison schlechter abgeschnitten hat als im Jahr davor, nämlich 2005 wurden sie in der Regionalliga Süd siebter, nachdem sie in der Vorsaison bereits Platz fünf belegt hatten. (Auch zwei gleiche Platzierungen in Folge belegten sie in dieser ganzen Zeit bislang nur ein mal.) Lange werden sie diese "Serie" nun allerdings wohl nicht mehr ausbauen können, alldieweil sie sich ja schon beinahe ganz oben befinden... Selbst wenn man nun in Rechnung stellen mag, dass diese Erfolge nicht "auf natürliche Weise" zustande gekommen sind (also quasi nur mittels künstlicher Befruchtung durch Mäzenentum), so lässt diese wahrlich atemberaubende Entwicklung jene 21 bisherigen Meistertitel von Bayern München (die ja ihrerseits auch nicht ganz ohne Geld auskommen) fast schon zur Alltäglichkeit verblassen.

Dortmund-Manager Watzke ließ zuletzt ja aufhorchen mit seiner Forderung nach mehr TV-Geld für die "Traditionsvereine" - ja welche Tradition könnte er da wohl meinen? Womöglich die vielfach überlieferte Angewohnheit sehr viel Geld (mitunter auch das des Steuerzahlers) in den Sand zu setzen? Natürlich kann man seinen Wunsch irgendwo verstehen, gleichwohl dürfte er sicherlich nicht die geringste Chance auf Verwirklichung haben in jedweden Liga-Gremien. So richtig gerecht schiene es mir allerdings auch nicht, wenn das Argument "ich habe mehr Schulden gemacht, also steht mir auch mehr Geld zu" da ziehen würde.

Ich habe übrigens auf dem Fußballplatz selten so spektakuläre Aktionen gesehen wie jene grandiosen Handstand-Überschlag-Einwürfe der Brasilianerin Leah während der kürzlich zu Ende gegangenen U20-WM der Juniorinnen in Chile - die allein waren wohl schon das "Eintittgeld" wert! Schade dass man derlei Sehenswürdigkeiten in der Bundesliga wohl kaum jemals zu Gesicht bekommen wird...

ExHockey-Bundestrainer Peters hatte im Kicker vom 17.11.2008 sein Konzept vom "fliegenden Wechsel" vorgestellt: er sprach sich dafür aus, künftig das unbeschränkte Ein- und Auswechseln während des laufenden Spiels zuzulassen, so wie es ja in anderen Ballsportarten längst gängig ist. Seine stichhaltige Begründung hatte offenbar auch die Kicker-Leser mehrheitlich überzeugt, jedenfalls stimmten in einer Blitzumfrage knapp 61% der Abstimmenden seinen Vorschlägen zu. Auch mir gefallen seine Anregungen außerordentlich gut, und bei der Gelegenheit möchte ich gleich noch mal die wichtigsten meiner anderen Wünsche zu einer - aus meiner Sicht dringend anstehenden! - Änderung der Durchführungsbestimmungen im Fußball wiederholen:

02. Einführung einer "effektiven Spielzeit" von 2x30 Minuten (analog zum Eishockey etwa)

03. Einführung des "Platinum Goal" bei notwendiger Entscheidungsfindung; d.h. gegebenenfalls weiterspielen bis zum nächsten, dann entscheidenden Tor - und zwar ohne Zeitlimit! (und damit Hinfälligkeit des Elfmeterschießens)

04. Abschaffung der leidigen "Auswärtstorregel" (mir will es einfach nicht in den Kopf, warum ein Auswärtstor prinzipiell mehr wert sein soll als ein zu Hause erzieltes), dafür eben ggfs. Platinum Goal zur Entscheidungsfindung

05. allgemeine Zulassung des "Video-Beweises" (z.B. Torkamera) bzw. generell aller jeweils vor Ort zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung

06. Einführung von "fliegenden Wechseln" (siehe oben)

07. weltweit Rückkehr zur plausiblen und transparenten Zwei-Punkt-Wertung

08. auch erste [und zweite] Bundesliga mit je 20 Mannschaften (wie ja ausnahmslos bei allen führenden Fußball-Nationen!)

09. Beteiligung der Bundesligisten schon eine Pokalrunde früher, d.h. erste Hauptrunde mit 128 Mannschaften (110 Teams der obersten 4 Level, ggfs. sogar 114, plus 10 Regelaufsteiger, dazu mindestens 21 Amateur-Vertreter aus den Landespokalen - da müssen wohl noch einige Viertligisten vorher ausgesiebt werden, z.B. die letzten 5 jeder Regionalliga-Staffel)

10. Schaffung einer "echten" Europaliga, d.h. mit Auf- und Abstieg unter Ausgliederung der beteiligten Teams aus ihren nationalen Punktspiel-Wettbewerben

11. kein Männer-Fußball mehr bei Olympia (und damit Wegfall all jener unsäglichen und in der Vergangenheit x-mal geänderten Zulassungsbeschränkungen für die Spieler-Teilnahme); dafür meinetwegen Beach Soccer im Sommer und evtl. Futsal im Winter...

Seit der letzten expliziten Aufzählung meiner Änderungswünsche sind schon über 9 Jahre vergangen, und in der Zwischenzeit scheint jene von mir rigoros abgelehnte Verkürzung des WM-Zyklus auf zwei Jahre wieder vom Tisch zu sein. Nach wie vor aktuell hingegen ist mein Wunsch,

12. eine kontinenteübergreifende WM-Qualifikation einzuführen (wenigstens in einer Form vermehrter interkontinentaler Relegationsrunden), um von dem strittigen Verteilerschlüssel der Endrundenplätze wegzukommen, und

13. bei den kontinentalen Meisterschaften der Nationalteams (welche man u.U. auch jeweils als WM-Quali nutzen könnte) würde ich evtl. für eine Abstufung nach Spielstärke etwa in eine A-, B- und C-Kategorie plädieren.

Bleibt schließlich noch mein letzter und in diesem Zusammenhang frommster Wunsch (Forderungen stellen kann ich ja wohl schlecht),

01. die ersatzlose Streichung der Abseitsregel!

Deshalb: ceterum censeo legem seorsi esse tollendam!

 

15.03.2009

__________ Monitor 2009 Heft 2


Leser!

"Jetzt ist die Krise da" titelte der Kicker am Montag nach Münchens unerwarteter Heimniederlage gegen Köln - und zwei Tage später (Bayern gewann bei Sporting Lissabon eben mal mit 5:0) war sie offenbar schon wieder Geschichte. „Ja solche Krisen hätte ich auch gern“ wird da wohl mancher denken, denn was für Bayern eine "Krise" ist, das wäre für den Großteil der restlichen Bundesligisten wohl eine tolle Erfolgssträhne. Schön wäre es natürlich, wenn sich auch unsere gegenwärtige Wirtschaftskrise (die angeblich schwerste seit dem zweiten Weltkrieg) ebenso schnell wieder verflüchtigen würde. Zumindest für das sogenannte Prekariat am unteren Rand der Gesellschaft hat diese Krise etwas tröstliches: inzwischen scheint die notorische finanzielle Klammheit also auch in der Mittelschicht angekommen zu sein, während nämlich an denen, die eh nichts mehr zu verlieren haben, solcherlei Krisen mehr oder weniger spurlos vorübergehen. Währenddessen müssen die Krisengewinnler (peinlicherweise zumeist jene, die ebendiese Krise überhaupt ausgelöst hatten) angesichts ihrer öffentlich zur Schau gestellten Maßlosigkeit und schamlosen Gier wohl bald die Hälfte ihres beiseitegemauschelten Vermögens dafür einsetzen, die andere Hälfte vor der Wut der Betrogenen zu sichern...

Doch zurück zum Fußball: Nach längerer Enthaltsamkeit sehe ich mich mal wieder genötigt eine Bemerkung zum Zustand der deutschen Fußballnationalmannschaft abzusondern. Anlass dazu war das jüngste "Freundschaftsspiel" gegen Norwegen, welches ja mit 0:1 verloren ging. Und das nicht etwa unglücklich, wie man anhand des knappen Resultates irrtümlich vermuten könnte wenn man das Spiel nicht gesehen hat, sondern eher sogar noch schmeichelhaft. Natürlich ging‘s um nichts, weswegen man diese erneute Pleite sicherlich noch verschmerzen kann, aber dennoch ist für meine Begriffe seit der EM wieder ein fast kontinuierlicher Abwärtstrend unverkennbar. Das wahrhaft erbärmliche Gekicke mit den daraus resultierenden deprimierenden Ergebnissen, welches die deutsche Auswahl seinem Publikum zuletzt wieder regelmäßig zumutete, erinnert allmählich doch wieder an längst überwunden geglaubte Rumpelfußball-Zeiten. Im Nachhinein schien das ganze Spiel lediglich den Zweck zu erfüllen, Mesut Özil der Türkei endgültig "wegzunehmen" (was aber dank haarspalterischer FIFA-Statuten dann doch noch nicht geklappt hatte). Leider hatte ich den wohlmeinenden Hinweis von guten Freunden nicht beherzigt, dass Freundschaftsspiele von Deutschland regelmäßig ihr Eintrittsgeld nicht wert seien und deshalb besser gar nicht erst angesehen werden sollten. So gehörte ich zu jener Gruppe von Unbelehrbaren, die es versäumt hatte rechtzeitig ab- oder wenigstens umzuschalten. So bleibt mal wieder nur die vage Hoffnung, dass es wieder besser wird, wenn's für die Mannschaft um was geht. Allerdings vermag ich mir kaum vorzustellen, wie ein derart desolater Haufen die laufende WM-Qualifikation am Ende noch vor Russland abschließen können will. Naja, schaumermal...

Zwischendurch mal wieder etwas Statistik: Mittlerweile gab es wieder einige kleinere Änderungen in der vereinsinternen Supporter-Tabelle („Wer ist Fan von welchem Verein innerhalb des DSFS?“). An der Spitze blieb allerdings alles beim alten: Bayern München auch in diesem nationalen Ranking mit nunmehr 30 Stimmen weit vor allen anderen. Den Münchnern noch am nächsten kommt das Votum „kein Lieblingsverein in Deutschland“ mit 16 Stimmen vor Mönchengladbach mit 15. Die weitere Reihenfolge bietet zunächst auch keine großen Überraschungen – Bremen, Schalke, Hamburg, Dortmund – erst auf Platz 7 kommt das Unerwartete, da hält sich nämlich Fortuna Düsseldorf weiterhin hartnäckig mit 9 Stimmen! Zumindest die vorderen sechs Plätzen dieser Tabelle reflektieren recht wirklichkeitsgetreu die Erfolge der jüngeren Vergangenheit, abgesehen natürlich von BMG, das offenbar weiterhin von seinen glorreichen 1970er Jahren zehren kann. Von den aktuellen Bundesligisten sind übrigens immer noch drei bislang ohne registrierte Erststimmen im Verein, namentlich Bielefeld, Karlsruhe und Hoffenheim. Die Reichweite dieser Erhebung liegt mittlerweile bei durchaus ansehnlichen 61 %, d.h. immerhin 237 von 389 DSFS-Mitgliedern sind inzwischen mit ihrer Vereinswahl erfasst. Bemerkenswert ist ferner, dass von den 36 Stimmen für nichtdeutsche Clubs allein 12 nach England gingen, weitere 7 entfielen auf Clubs in Holland und 5 auf solche in Österreich. Die ausführliche Tabelle dieser Untersuchung findet sich wie gewöhnlich auf der DSFS-Homepage.

Und schließlich habe ich noch einen Nachtrag zur letzten Ausgabe: Vereinskollege Jürgen Anders hat mich nämlich jüngst darauf aufmerksam gemacht, dass ich bei meiner Aufzählung von wünschenswerten Regelanpassungen im Fußball eine nicht unwichtige Forderung übersehen hatte, nämlich

14. Einstoß statt Einwurf!

Und dies ist in der Tat ein höchst dringlicher Änderungsvorschlag, den ich sogleich voll und ganz unterstützen möchte (auch wenn damit die zuletzt erwähnten spektakulären Einwürfe der Brasilianerin Leah schon wieder Makulatur wären). Ganz abgesehen davon, dass es innerhalb der Fußballregeln eigentlich einen nachgerade grotesken Anachronismus darstellt, den Ball mit den Händen einzuwerfen, würde diese Art der Spielwiedereröffnung deutlich aufgewertet – so wäre wohl ein Einstoß auf Höhe des gegnerischen Strafraumes sogar wertvoller (weil potenziell gefährlicher) als ein Eckball! Man stelle sich nur mal vor, es gäbe auch im Eishockey einen Einwurf von der Bande, oder im Handball oder Basketball würde der Ball gar von der Seitenlinie eingekickt! Zurecht würde man solcherlei Regelverirrungen als lachhaft empfinden. Folglich kann es nur heißen: hinfort mit dem Einwurf! Vielleicht würden deswegen noch nicht gleich mehr Tore fallen, aber zweifellos dürfte der Unterhaltungswert eines Durchschnittsspiels damit deutlich steigen!

Unbenommen davon gilt natürlich wie immer: ceterum censeo legem seorsi esse tollendam!

 

15.05.2009

__________ Monitor 2009 Heft 3


Leser!

Fünf Spieltage vor Saisonende geht's an der Tabellenspitze der Bundesliga so eng zu wie schon lange nicht mehr (oder womöglich sogar so eng wie überhaupt noch nie nach 29 Spieltagen): gleich fünf Mannschaften innerhalb einer Drei-Punkte-Distanz! Sollte also Bayern München tatsächlich mal wieder einen Titel liegen lassen, so scheint der Titelkampf offen wie selten zuvor. Allerdings dürfte einer erfolgreichen Titelverteidigung der Münchner nun eigentlich nichts mehr im Wege stehen, nachdem Heilsbringer Klinsmann ja vorzeitig ins Nirvana geschickt wurde. Ersetzt wird er also durch den dynamisch-frischen Jungtrainer Jupp Heynckes, so dass man nun wohl davon ausgehen darf, dass in der nächsten Saison wieder der noch frischere Udo Lattek auf der Bayern-Bank Platz nehmen wird...

Eine extrem unglückliche Auslosung führt nunmehr Hamburg und Bremen binnen 19 Tagen gleich vier mal gegeneinander, was es so im deutschen Profifußball wohl noch nie gegeben hat. Im Pokal hat Werder den HSV ja schon ausgeschaltet, und ich gehe eigentlich davon aus, dass sie die Hamburger auch im UEFA-Cup eliminieren werden. (Gerade wo ich das schreibe gewinnt Hamburg allerdings das Hinspiel in Bremen, so dass diese Prognose jetzt doch etwas auf wackligen Füßen zu stehen scheint...) Bliebe dem HSV zumindest noch die Chance auf Platz 5 in der Bundesliga, viel mehr scheint im Augenblick für sie nicht drin zu sein.

Wie schon im Vorjahr nach der Ablösung von Trainer Slomka eilt Schalke unter den Übungsleitern Büskens & Co. von Sieg zu Sieg, da dürfte dessen Vertragsverlängerung als Amateurtrainer wohl nichts im Wege stehen. Denn wie man hört soll mit Magath endlich der ganz große Erfolg eingekauft werden - wenn das mal nicht nach hinten los geht. Trotz dieser jüngsten Siegesserie tritt der Verein auf der Stelle: Schalke kommt einfach nicht über Platz 6 hinaus bei immer noch 5 Punkten Rückstand auf die Davorliegenden. Zu viele Zähler waren eben zuvor schon liegen gelassen worden, und die unmittelbare Konkurrenz gewinnt leider auch ständig. Am schlimmsten keucht ihnen der heiße Atem vom seit Wochen punktgleichen Verfolger Dortmund im Nacken - jene haben nämlich nervigerweise zuletzt sogar schon fünf mal in Folge gewonnen. Naja, es sieht also wie schon seit Monaten erwartet doch nach einer Auszeit im Europacup zur nächsten Saison aus...

Wie in puncto Meisterschaft ist auch im Abstiegskampf noch nichts entschieden: da die bisherige Punktausbeute sämtlicher Kellerteams diesmal ausgesprochen dürftig ausfällt, dürfen sich noch alle betroffenen Mannschaften Hoffnungen machen auf den Klassenerhalt. Selbst der vermeintlich schon abgeschlagene KSC hat nun wieder durchaus eine Chance auf Rettung. Alles in allem versprechen die verbleibenden Spieltage also noch allerlei Kurzweil.

Nachdem sich zu Beginn der Rückrunde die kapitalen Fehlentscheidungen der Bundesliga-Schiedsrichter wieder mal gehäuft hatten, kam es u.a. im Kicker (Ausgabe vom 05.03.2009) zu einer neuerlichen Schiri-Diskussion. Dort wurde noch mal Bezug genommen auf ExSchiedsrichter Merk, der seit über einem Jahr vehement eintritt für eine Einführung des sog. Videobeweises. Selbst hatte ich diesen Kurs in der Vergangenheit hier ja auch schon mehrfach nachdrücklich unterstützt. Ärgerlicherweise gibt es aber beim DFB immer wieder unbelehrbare Bremser in dieser Sache. So durfte in der gleichen Ausgabe des Kicker ein Herr Fröhlich (Abteilungsleiter Schiedsrichterwesen im DFB) wieder seine ewiggestrigen "Bedenken" zum Besten geben. Nachdem es immer offensichtlicher wird, dass all jenen Bedenkenträgern allmählich die Argumente gegen die Verwendung der ja größtenteils bereits vorhandenen technischen Hilfsmittel ausgehen, bleibt ihnen so wie dem besagten Herrn Fröhlich im erwähnten Interview nur mehr noch die ultimative moralische Keule: "Der menschliche Charakter des Fußballs soll über allem stehen." Mit diesem Totschlag-Argument soll wohl endgültig für alle Zeiten mehr sportliche Gerechtigkeit verhindert werden. "Der menschliche Charakter" - ogottogott, mir kommen gleich die Tränen. In den Augen der DFB-Oberschiedsrichter ist eine Entscheidung etwa unter Zuhilfenahme einer Torkamera also zutiefst unmenschlich? Hingegen scheint es durchaus menschlich zu sein, wenn alle Zuschauer im TV oder vor Ort auf dem Videowürfel sich jede strittige Szene in Zeitlupe zu Gemüte führen können, nur eben der Schiedsrichter darf da nicht hinschauen. Er könnte ja sonst unter Umständen eine Fehlentscheidung erkennen und womöglich revidieren, dies aber würde die DFB-Oberen offenbar um den Verstand - pardon, um die "Tatsachenentscheidung" - bringen. Überhaupt diese groteske Wortverdrehung: ebenso selten wie z.B. Arbeit frei macht entspricht die nicht überprüfte Wahrnehmung eines Unparteiischen den Tatsachen. In so fern wäre mir ein durch und durch unmenschlicher Fußball mit etwas mehr sportlicher Gerechtigkeit allemal lieber als alle menschlichen Irrtümer zusammen.

Und wo wir gerade beim Thema sind - die übelste Quelle aller ärgerlichen Fehlentscheidungen sollte unbedingt als erstes abgeschafft werden, deshalb wie immer: censeo legem seorsi esse tollendam...

 

15.07.2009

__________ Monitor 2009 Heft 4


Leser!

Wie schon im Weltpokal der Vereine (dort steht’s aktuell 23:25 für Südamerika – in 2000 gab’s zwei Wettbewerbe) gerät Europa auch beim ConfedCup der Nationalmannschaften hinsichtlich der Titelgewinne immer mehr in Rückstand: mit dem bereits dritten Sieg Brasiliens ging Südamerika auch hier in Führung, und zwar mit 3:4 (aus europäischer Sicht). Auch wenn man dieser Statistik angesichts skandalöser Tret- und Prügelorgien seitens der offenbar vollkommen übermotivierten Südamerikaner in der Frühzeit des Weltpokals (und beim ersten, damals noch inoffiziellen ConfedCup war erst gar kein europäisches Team am Start) nicht allzu viel Bedeutung beimessen sollte, so zeigt der Trend zumindest im ConfedCup für Europa deutlich nach unten: 2005 in Deutschland gab’s ein rein südamerikanisches Finale, und auch diesmal schaffte es ja keine Mannschaft aus Europa ins Endspiel: Italien war kläglich an Ägypten (und Braslilien) gescheitert und Spanien brach vollkommen unerwartet gegen die USA ein! Letzteres ist natürlich schade, als uns dadurch der reizvolle Vergleich des Europameisters mit dem amtierenden Südamerikameister Brasilien vorenthalten blieb. Aber es ist wohl davon auszugehen, dass Spanien spätestens im Endspiel gegen Brasilien verloren hätte, wenn ihre tolle Serie (35 Länderspiele in Folge unbesiegt und damit den Weltrekord von Brasilien eingestellt, davon die letzten 15 alle gewonnen, was ebenfalls einen neue Bestmarke darstellt) nicht schon im Halbfinale gerissen wäre. Das dies ausgerechnet gegen den krassen Außenseiter USA passierte (letztere waren ja nach ihren ersten beiden Niederlagen mit 1:6 Toren schon so gut wie ausgeschieden aus dem Wettbewerb, bevor sie dann doch noch torgenau jenes Halbfinale erreichen konnten!) kam natürlich sehr überraschend. Andererseits zeigt eben die „Statistik der großen Zahl“, dass die Wahrscheinlichkeit des Reißens einer jeden Serie mit deren Dauer immer weiter ansteigt, unabhängig von der Qualität des Gegners. Und die USA kamen da offenbar genau im statistisch richtigen Moment...

Zeitgleich fand ja auch das Endturnier der U21-EM in Schweden statt, und auch dort konnte sich die deutsche Auswahl (wie zuvor schon bei den U17- und U19-Junioren und auch bei der letzten EM in Österreich/Schweiz) bis ins Endspiel „durchmogeln“. (Das Finale war bei Redaktionsschluss noch nicht ausgetragen.) Es ist eigentlich nicht zu fassen, wie erfolgreich deutsche Nationalmannschaften doch immer wieder agieren, trotz aller hinlänglich bekannten spielerischen Armut, trotz teilweise erschreckend dürftiger Vorstellungen und mit viel Dusel. Ich frage mich ernsthaft, ob denn all diese doch immer wiederkehrenden Erfolge für den deutschen Fußball auf Dauer noch mit Glück allein zu erklären sind – oder stecken da etwa irgendwelche geheimen Mächte dahinter?

Der zuletzt ja recht erfolgreiche, wenngleich auch außerordentlich unsympathische Trainer Magath hat also tatsächlich auf Schalke angeheuert. Und dort hat er gleich zum Trainingsauftakt mit seinen unpopulären Personalentscheidungen hinsichtlich des CoTrainerstabes wieder reichlich Porzellan zerschlagen. Insbesondere sein quälend langes Hinhalten von Büskens & Co bevor er diese dann doch humorlos abservierte sorgte allenthalben für verständnisloses Kopfschütteln. Und auch der Schalker Vereinsvorstand sorgte dabei mit den eiskalt gebrochenen Versprechen bezüglich einer „Jobgarantie“ für das Trainer-Trio abermals für einen moralischen Tiefpunkt. Da der Erfolg ja bekanntlich alle Mittel heiligt wird man den genannten Personen dies alles nachsehen, wenn sich also tatsächlich in absehbarer Zukunft die so ersehnten Titel einstellen werden. Wenn aber nicht, dann dürften die „Magath raus“-Rufe sicherlich nicht lange auf sich warten lassen...

Die Phase zwischen den Spielzeiten ist ja immer eine Zeit erhöhter Transferaktivitäten, und in diesem Zusammenhang kursieren ja wieder mal neue astronomische Rekordablösesummen für die vermeintlichen Fußballstars durch die Sportpresse. Dies ist dann eben auch immer wieder mal Anlass über die fragwürdige Angemessenheit der jeweiligen Bezahlung solcher Megastars zu diskutieren. Ich bezweifle ja auch gar nicht, dass die entsprechenden Sportler ihren Beruf gern ausüben, allerdings erscheint es mir doch fraglich, ob ihr jeweiliger Einsatz in den unteren Amateurklassen bei geringfügiger oder eben gar keiner Entlohnung auch noch nennenswert wäre. Zum Thema "wahre Fußballleidenschaft" fällt mir da nämlich eine kurze Anekdote ein:

Die folgende Geschichte trug sich zu einer Zeit zu, als es für Mädchen noch recht ungewöhnlich war im Verein Fußball zu spielen. Bis weit in die 1970er Jahre war ja Frauenfußball noch in ganz Deutschland ziemlich verpöhnt. Es begab sich aber, dass der Fußballverein einer Jugendlichen die Mitgliedsbeiträge leicht erhöhen musste. Da eröffnete jenes Mädchen – damals im Alter von knapp 13 Jahren – ihrem Trainer, dass sie nunmehr mit dem Fußballspielen aufhören und den Verein verlassen müsse, da sie die Beiträge fortan nicht mehr bezahlen könne. Natürlich reagierte der Betreuer ziemlich bestürzt, zumal sie damals zu den Stützen seiner gemischten Jugendmannschaft zählte. Er schlug vor, dass er doch mal mit den Eltern reden könne, da müsse doch etwas zu machen sein. Sie jedoch beschwor ihn dies keinesfalls zu tun, da die Eltern von ihren Fußballaktivitäten gar nichts wüssten. Wie so viele "Sachverständige" fand ihr gestrenger Vater das Fußballspielen für Mädchen damals nicht angebracht und hatte es ihr entsprechend untersagt. Zum Training sowie zu den jeweiligen Spielen war sie also immer heimlich erschienen, und die Vereinsbeiträge hatte sie bis da hin jeweils aus ihrem schmalen Taschengeldbudget bezahlen können, was ihr nach der Erhöhung eben nicht mehr möglich war. Ob eines solchen Engagements ward der Trainer zu Tränen gerührt und konnte erreichen, dass ihr die Beiträge in der Folge sogar ganz erlassen wurden. Daraufhin spielte das Mädchen immerhin noch eine Weile weiter und konnte dabei noch so manches Tor für ihre Mannschaft erzielen. Bei dem Verein in dieser bewegenden Geschichte handelte es sich übrigens um Fortschritt Plagwitz (der Vorgängerverein vom heutigen SV Schleußig 1990 in Leipzig), und jenes Mädchen ist heute meine Frau...

Ceterum censeo legem seorsi esse tollendam!

15.09.2009

__________ Monitor 2009 Heft 5


Leser!

Die neue Bundesliga-Saison ist inzwischen auch schon wieder drei Spieltage alt, und gleich zum Auftakt sorgte ein übersehenes Tor beim Spiel Hoffenheim - Bayern wieder für Aufregung. Sogleich wurden von prominenter Seite (also nicht nur von mir) neue Forderungen nach der Torkamera laut. Deren Einführung wird aber zweifellos noch eine geraume Zeit auf sich warten lassen, so wie man das langsame Mahlen der einschlägigen bürokratischen Mühlen ja kennt. So will man beim DFB lieber auf einen funktionierenden "Chip im Ball" warten - doch darauf wartet die Fußballwelt ja schon seit Jahren vergeblich. Die UEFA testet lieber den fünften und sechsten Offiziellen hinter dem Tor, während die FIFA in dieser Angelegenheit offenbar am liebsten so lange wie irgend möglich untätig bleiben will. Die als Begründung vorgeschobene angebliche "Wahrung der Regelgleichheit weltweit" geht dabei weit am Kern des Problems vorbei, denn zum einen sind die Spielregeln davon ja gar nicht tangiert, und zum andern herrschen ja schon heute bekanntermaßen keinesfalls gleiche Bedingungen bei der Entscheidungsfindung über alle Spielklassen hinweg (Stichwort vierter Offizieller bzw. fehlende Linienrichter in den unteren Ligen).

Jedenfalls mutet die UEFA-Maßnahme für meine Begriffe schon einigermaßen anachronistisch an und spornt meine Fanatsie zugleich an zu neuen arbiträren Höhenflügen: Jenen von der Funktionärsclique so überaus geschätzten "Faktor Mensch" könnte man doch noch viel wirksamer zur Geltung bringen, indem man hinter jedem Tor eine Minitribüne mit sagen wir 11 professionellen Torrichtern installiert. Nach jeder strittigen Torraumsituation erfolgt dann sogleich eine kurze aber intensive Diskussion dieses Gremiums mit abschließendem Blitzplädoyer. Da Stimmenthaltungen untersagt sind führt in der Folge also jede Abstimmung zu einer eindeutigen Mehrheitsentscheidung "Tor oder Nicht-Tor". Währenddessen sieht sich Publikum und die pausierenden Mannschaften auf dem Spielfeld in Ruhe die mehrfache Wiederholung der strittigen Szene aus allen erdenklichen Perspektiven in Super-Zeitlupe auf dem Videowürfel an. Selbstverständlich bleibt das hochwürdige Linienwächtergremium hinter dem Tor von diesen Darbietungen abgeschirmt, denn schließlich soll deren "objektive Entscheidungsfindung" nicht unnötig von einer lästigen Realität beeinflusst werden! Allein die Vorfreude auf ein solches Szenario würde mich wieder vermehrt ins Stadion locken...

Dann hatte ich neulich eine Art déjà vû-Erlebnis, als ich die Tabelle der Regionalliga West nach zwei Spieltagen betrachtete: einträchtig am Tabellenende fanden sich da die beiden Mannschaften von Preußen Münster und 1.FC Saarbrücken wieder. Wer vermag sich noch an den Sommer 1964 zu erinnern? - Exakt so waren nämlich die beiden Abstiegsplätze jener allerersten Bundesliga-Saison belegt, nur dass dies im Vergleich eben um drei Level höher als heute stattfand...

Wie in der letzten MAGAZIN-Ausgabe nachzulesen war hat diesmal Frank van den Broek den DSFS-internen BL-Tippwettbewerb gewonnen, wozu ich recht herzlich gratulieren möchte. Überhaupt fiel Frank in der Vergangenheit nicht nur durch seinen "Torriecher" beim regelmäßigen DSFS-Kick auf, sondern auch durch eine offenbar latent hellseherische Begabung, wie seine immer wieder überdurchschnittlich treffsicheren Tipps zu belegen scheinen... Selbst hatte ich diesmal darauf verzichtet entsprechende Ergebnisprognosen regelmäßig bei Reiner Buechler einzureichen, trotzdem habe ich meinen turnusmäßigen Systemtip G0 ("vereinfachtes Oddset-Derivat") wieder über die gesamte Bundesliga-Saison hinweg ausgewertet. Und demzufolge wäre ich mit 392 Wertungspunkten auf einem geteilten 13. Platz gelandet, was die Resultate der vergangenen Jahre abermals bestätigt: ein Dauertip nach G0 reicht zwar in aller Regel zu einem sicheren Platz in den Top 20, aber eben praktisch nie zum Gesamtsieg. Zu einer vollständigen Auswertung der rund 100 anderen Systemtips in meinem Prognose-Portfolio bin ich aber aus Zeitgründen bisher leider immer noch nicht gekommen.

Dafür habe ich mich zuletzt einer anderen interessanten "Kleinstatistik" zugewandt: Der neuliche Gewinn der U21-EM durch das deutsche Team führte zu dem bis da hin noch nie dagewesenen Umstand, dass ein Land alle drei (männlichen) Juniorentitel in Europa gleichzeitig innehat, also U17-, U19- sowie eben U21-Europameisterschaft. Dass dies nun ausgerechnet Deutschland gelang ist um so erstaunlicher, als der DFB zumindest im männlichen Juniorenbereich in der Vergangenheit ja nicht eben als Titelhamster aufgefallen war. Zumindest für ein paar Wochen durfte man sich also in diesem außergewöhnlichen Gefühl sonnen, denn inzwischen musste der U19-Titel ja bereits wieder abgegeben werden (an die Ukraine in dem Fall). Dies war jedenfalls der Anlass einmal alle aktuellen europäischen Titelträger im Fußball in einer gemeinsamen Übersicht zu versammeln, wobei ich neben jeweiliger EM bzw. EC auch die entsprechenden Weltturniere berücksichtigt habe, zumindest immer aus europäischer Sicht. (Das bedeutet z.B. dass Belgien z.Z. [europäischer Junioren-] Olympiasieger ist als bestplatzierte Mannschaft in China hinter dem Goldmedaillengewinner Argentinien. Keine Berücksichtigung fanden dabei allerdings Wettbewerbe wie ConfedCup, VereinsWeltpokal oder Europäischer Supercup, wo ja regelmäßig nur ein oder zwei europäische Teams beteiligt sind, welche überdies ja schon als Gewinner in einem dafür maßgeblichen anderen Wettbewerb gelistet sind.) Dabei bin ich immerhin auf 25 relevante Wettbewerbe gekommen als da wären: WM und EM (Männer-, Frauen- und die jeweiligen Junioren-Wettbewerbe) sowie Olymp.Spiele, sodann neben den Länderturnieren auch die jeweiligen Wettbewerbe für Vereinsmannschaften sowie den UEFA-RegionsCup. Schließlich habe ich sogar noch insgesamt sechs entsprechende Veranstaltungen in der Halle (futsal) und auf Sandboden (beach soccer) berücksichtigt! (Verzichtet habe ich allerdings auf weitere mehr oder weniger obskure Wettbewerbe wie Ü35-, Studenten-, Militär- oder Polizei-, Behinderten-, Obdachlosen-, Vertragslosen-WM usf.)

Interessant ist nun natürlich eine Auswertung nach aktuellen Titelträgern. Und wie nicht anders zu erwarten dominiert bei den Männern zur Zeit Spanien klar (als amtierender Europameister und zugleich mit dem FC Barcelona als aktuellem CL-Sieger, darüber hinaus mit seinen traditionell erfolgreichen Junioren-Teams), wobei sie allein 4 ihrer 8 Titel im futsal und beachsoccer einsammeln konnten. Dafür hält Deutschland tatsächlich 7 von 8 möglichen Titeln im Frauenfußball! (Lediglich den U19-Titel mussten sie - wie bei den Männern - erst neulich anderen überlassen, in diesem Fall etwas überraschend England. Und gerade in diesen Wochen steht ja nun der aktuelle EM-Titel in Finnland auf dem Spiel, auch wenn nach den ersten Begegnungen dort vieles für eine abermals erfolgreiche Titelverteidigung der deutschen Frauen zu sprechen scheint.) Zusammen mit den beiden verbliebenen Junioren-Titeln bei den Männern kommt Deutschland aktuell also auf insgesamt 9 Siege (bei 3 weiteren zweiten Plätzen) und überflügelt Spanien damit sogar in der Gesamtwertung. Erst mit großem Abstand hinter diesen beiden Nationen folgen mit z.Z. je 2 Titeln Italien (bei zusätzlich 4 zweiten Plätzen) sowie unerwartet die Ukraine. Und vier weitere Länder halten aktuell zumindest jeweils einen Europa-Titel, nämlich England, Russland, Tschechien und wie schon erwähnt Belgien. Auffällig ist jedenfalls, dass hier wie in nahezu jeglicher Fußballrangliste Europas (egal ob nach National- oder nach Vereins-Mannschaften) die "großen vier" (also ENG, ESP, ITA, GER) an der Spitze praktisch unter sich sind.

Ceterum censeo legem seorsi esse tollendam.

15.11.2009

__________ Monitor 2009 Heft 6


Leser!

Im Vorfeld der letzten U20-WM gab es ja wieder eine leidige Debatte zum Thema Abstellpflicht. Natürlich hatte die FIFA das Turnier mehr als unglücklich terminiert und es darüberhinaus auch versäumt, die WM in ihren offiziellen Spielkalender aufzunehmen und damit zugleich demonstriert, welch geringen Stellenwert sie der Veranstaltung beimisst. Offensichtlich hat diese WM dort etwa den Rang einer BeachSoccer-Veranstaltung oder der Obdachlosen-WM, für die es ja auch keine internationale Spieler-Abstellungspflicht gibt. Trotzdem habe ich wenig Verständnis für Bundesligaclubs, die partout glauben nicht zwei, drei Wochen ohne einen 19jährigen Jungprofi auf der Reservebank auszukommen. Man könnte gerade meinen die oberste deutsche Liga sei gespickt von jungen Maradonas und Messis, bei deren kurzzeitigem Ausfall die jeweiligen Mannschaften vollkommen hilflos seien. Anders sieht es freilich aus, wenn einer jener U20-Nominierten aus freien Stücken (also ohne Druck seitens seines Vereins) auf die WM-Teilnahme verzichtet, weil er glaubt sonst seine Chance auf die Stammelf zu verspielen. Auch wenn ich eine solche Haltung eher für kurzsichtig halte, so muss man dies natürlich respektieren und auf den Spieler im Nationaltrikot verzichten. Allerdings stellt sich anschließend die Frage, ob man ihn dann zu einem späteren Zeitpunkt überhaupt noch ein zweites Mal nominieren sollte, denn ich würde es generell ablehnen irgend einen Spieler um seinen Einsatz für die Nationalauswahl zu betteln...

Nach sage und schreibe 25 Absagen fuhr Horst Hrubesch dann also mit einer Art C-Auswahl nach Ägypten. Eigentlich wollte ich schon dafür plädieren, eine deutsche Teilnahme an der U20-WM unter diesen Umständen besser gleich ganz abzusagen und in der Folge dann auch auf künftige Qualifikationsrunden zu verzichten, ehe sich jene deutsche Rumpf-Mannschaft dann doch wider Erwarten beim Turnier mehr als wacker schlug! Nach dem tollen Auftritt gegen Nigeria, wo die Partie mit zwei Treffern in Unterzahl in der letzten Viertelstunde noch gedreht worden war, stand man im Viertelfinale dann gegen den Turnierfavoriten Brasilien bis zwei Minuten vor Schluss - verdientermaßen übrigens - praktisch mit einem Bein schon im Finale (Halbfinalgegner Costa Rica kam ja wohl einem Freilos gleich), ehe doch noch alle Träume platzten. Dennoch wie gesagt eine überaus respektable Vorstellung, die angesichts des zeitgleichen WMQuali-Spiels der A-Auswahl in Moskau in der deutschen Öffentlichkeit leider weitgehend unbemerkt blieb. Es erscheint also eher unwahrscheinlich, dass ein deutsches U20-Team in Bestbesetzung in Ägypten (noch) besser abgeschnitten hätte, zumal ja auch andere Nationen mit vergleichbaren Absagen zu kämpfen hatten.

 

Für ein neuerliches Ärgernis sorgte dann wieder mal die A-Nationalmannschaft nach erfolgreicher WM-Qualifikation: wie eigentlich immer, wenn es nicht direkt darauf ankommt, gab es einen totalen Einbruch - diesmal in Form einer beschämenden Minusleistung gegen Finnland. Ich will jetzt nicht behaupten, dass der Gruppensieg in der Quali unverdient war, aber zweifellos waren beide Siege gegen eine bessere Mannschaft aus Russland überaus glücklich. Immer wenn der absolute Druck fehlt, dann versucht man es offenbar mit spielerischen Mitteln - doch wie weit es damit in Deutschland her ist, das ist ja hinlänglich bekannt. Schön also dass man dabei sein wird in Südafrika, aber viel ausrechnen sollte man sich dort wohl besser nicht.

Analog dazu geraten auch die deutschen Auftritte in den Europapokal-Wettbewerben einmal mehr zu desolaten Rohrkrepierern. Die zunächst vollmundig angekündigte Aufholjagd auf Italiens dritten Platz in der UEFA-Fünfjahreswertung ist offenkundig abgeblasen bevor sie so richtig begann. Stattdessen muss man sich wohl eher wieder nach unten orientieren, wo Frankreich auf dem Sprung ist der deutschen Bundesliga den augenblicklichen vierten Rang wieder abzunehmen. In der laufenden Saison jedenfalls steht Deutschland nach drei Gruppen-Spieltagen auf Augenhöhe mit Österreich und Moldawien! Am Geld allein kann’s also kaum liegen, dass der Rückstand auf die großen drei Ligen in Europa immer größer zu werden scheint.

 

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle mal einflechten, dass meine zumeist gehässigen Stellungnahmen zum einheimischen Fußball keineswegs bedeuten, dass ich den Deutschen ihre zahlreichen Fußball-Erfolge in der Vergangenheit etwa missgönnte - bisweilen konnte ich mich sogar darüber ein wenig mitfreuen. Allerdings bleibt es eine Tatsache, dass es doch nur in den allerseltensten Fällen Genuss bereitet ihnen bei der Verrichtung ihrer meist ungelenken Arbeit zuzusehen. Bleibt vielleicht die Hoffnung, dass mit der seit geraumer Zeit zu beobachtenden Zunahme jenes sogenannten "Migrationshintergrundes" in den deutschen Auswahlteams nicht nur deren äußeres Erscheinungsbild etwas bunter wird (anscheinend ist es in der Tat sprichwörtlich, dass der traditionelle deutsche Dresscode eben schwarz-weiß ist!), sondern dass sich dieser Umstand womöglich auch positiv auf ihre fußballerische Kreativität auswirken möge...

Ceterum censeo legem seorsi esse tollendam.